Überblick - Presse 2008

St. Ingbert 2008

Das Atelier Oberlicht aus Radebeul-Altkötzschenbroda mit Arbeiten von

Frank Hruschka und Markus Retzlaff

in St. Ingbert

Austausch von künstlerischen Werken ist ein enorm wichtiger Beitrag nicht nur zur Vermittlung von kunstgeschichtlich Bedeutendem oder von aktuellen Tendenzen in der Kunst, sondern vor allem zum Verständnis für Lebenswelten in verschiedenen Regionen – in diesem Falle von Regionen innerhalb Deutschlands. St. Ingbert ist eingebunden in einen ganz anderen Kulturkreis als Radebeul. Auf der einen Seite war und ist die Nähe zu Frankreich von starkem Gewicht auf der anderen Seite waren (freiwillig und längere Zeit unfreiwillig) Einflüsse stärker mittel- und osteuropäisch geprägt. Mit den Ausstellungen von Albert Weisgerber in der Stadtgalerie Radebeul und der Präsentation des Ateliers Oberlicht in der Rathausgalerie St. Ingbert lässt sich genanntes ganz konkret belegen.

Zum Städtepartnerschaftsjubiläum Radebeul - St. Ingbert zeigen die beiden Künstler des Ateliers Oberlicht neue Arbeiten, die in einem Raum entstanden, der sich von üblichen Künstlerateliers abhebt. Gegründet vor neun Jahren, hat sich das Atelier im Radebeuler Kunstleben und darüber hinaus etabliert. Der Name stammt von den Dachfenstern, welche im Raum Licht spenden. Der Vorteil einer Produzentengalerie gegenüber einer herkömmlichen Galerie ist das Zusammenspiel von Arbeitsatmosphäre und gleichzeitiger Präsentation fertiger bzw. im Zustand befindlicher Arbeiten. Neben Plätzen schöpferische Unruhe befinden sich auch Ecken der Muße, die zum Verweilen einladen. Trotz vieler kleiner und größerer Schwierigkeiten beweisen zwei Gründungsmitglieder, Frank Hruschka und Markus Retzlaff, dass man fast ein Jahrzehnt miteinander arbeiten und sich gegenseitig anregen kann. Entscheidend für den Erfolg der früheren Gruppe und des heutigen Duos war neben der künstlerischen Produktion die Präsentation nach außen. Und diese fängt beim Aufsteller an der Strasse an und geht bis zu Druckerzeugnissen. Neben der künstlerischen, hat die Arbeit auch eine soziale Komponente. Zusammenzuarbeiten verlangt gegenseitige Rücksichtnahme und Zusammenspiel in allen menschlichen aber auch z.B. finanziellen Angelegenheiten. Arbeitsteilung ist nötig um die Spannbreite von Zeichnung und Grafik bis zur Gestaltung von Katalogen, Signets und corporate design zu bewältigen. Es geht um die Idee, gemeinsam zu schaffen, aber auch das eigene Können in verschiedenen Grafik- und Mal-Kursen weiterzuvermitteln.

Im Laufe der Jahre arbeiteten die Sachsen Andreas Garn, Ingo Kuczera, Julius Hempel, Anita Rempe, Peter PIT Müller, Hans-Jürgen Reichelt, die Kubanerin Tania Maria Mesa, der Russe Nikolai Bachmann und der Afghane Homayon Aatifi im Atelier. Möglichkeiten zum Praktikum im Atelier werden gerne genutzt. Außerdem finden  Lesungen oder musikalische Veranstaltungen statt. Inzwischen war das Atelier schon mehrfach außerhalb Radebeuls präsent. Mit der diesjährigen Präsentation sind die Künstler auch in St. Ingbert bereits „Wiederholungstäter“.

Frank Hruschka erblickte in Dresden das Licht, absolvierte eine Lehre in der Metallverarbeitung und arbeitet seit 15 Jahren freiberuflich als Gebrauchsgrafiker, als Galerist, Geschäftsführer oder in anderen Jobs, die im Kunstbereich möglich sind. Er   muss als spiritus rector des Ateliers immer die Fäden in der Hand halten. Neben der organisatorischen und gestalterischen Arbeit die er zum wesentlichen Teil bewältigt, finden wir ihn in seiner freien künstlerischen Arbeit vor allem als Maler. Frank Hruschka hat seine Stärken im Abstrakten entwickelt. Er arbeitete ursprünglich mit seinen Bildern nah am Thema. Sehr klar gegliedert und auf wenige, fast reine Farben beschränkt, entwickeln sich Farbfelder mit teilweise  alles überstrahlender Helligkeit.

Er geht stets mit sehr genauer Vorstellung von der Struktur an die Arbeit. Der Zufall steckt im Detail, wenn die Spachtel die Farbe freilässt und unplanbare Spuren hinterlässt. Diese Spuren hat sinngemäß eine riesige Maschine hinterlassen, die die Klarheit der Form aber das Anarchische im Detail liebt. Manchmal lässt er es sogar für einen kurzen Augenblick, für einen Strich ausbrechen. Frank Hruschka strebt mit seinen Porträts auf der Leinwand gar nicht mehr nach der genauen Abbildung eines Menschen, obwohl sich hinter jedem Gemälde eine konkrete Person versteckt. In einer einzelnen Figur findet sich auch immer allgemein Gültiges. Dem Charakter der Figur ordnet er in der Regel einen  Farbklang zu, z.B. rot oder blau. Jeder Betrachter ist dazu eingeladen, sich der Charakteristik dieser Klänge zu ergeben, vielleicht bei sich selbst nach einem passenden Klang zu suchen.

Markus Retzlaff, Markus Retzlaff wurde ebenfalls in Dresden geboren. Er besuchte Zeichenkurse und absolvierte, eine Lehre als Porzellanmaler an der Manufaktur in Meißen. Danach studierte er an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Sein Diplom legte er bei Claus Weidensdorfer ab. Im Atelier ist die treibende Kraft als Grafiker. Alle Spielarten von Hoch- und Tiefdruck beherrscht er meisterhaft. Zustandsdrucke, stellen bereits für sich eigenständige Werke dar. Die Radierung und verwandte Techniken bilden seit einigen Jahren die bevorzugte Ausdrucksweise für Markus Retzlaff. Denn sie lassen ein reicheres und differenzierteres Arbeiten zu als alle anderen Techniken. Der Landschaft scheint ihm vor allem die Aquatinta als angemessen. Durch die Aquatinta oder die Reservage entsteht eine geheimnisvolle Stimmung, die die Schönheit der Landschaft zu verbergen sucht um sie dann mit neuen Blick erleben zu lassen. Die oft düster wirkenden Graphiken tragen einen Schwermut in sich. Die zweite große Gruppe im Werk von Markus Retzlaff bilden die Porträts. Das Porträt ist ein Mittel zur Erkenntnis dessen, was der Mensch in der Gesellschaft bedeutet, der er angehört. Im Gegensatz zur Landschaft charakterisiert Markus Retzlaff den Porträtierten in Zeichnung und Grafik mit relativ sparsamen Strichen. In seinen Porträts und Akten zeigt er viel von der Empfindsamkeit und Verletzbarkeit der menschlichen Seele. Im Kopf seziert Markus Retzlaff Landschaften oder die Gesichtslandschaft des zu Porträtierenden und arbeitet sich an den Kern des Wesens vor. In der Grafik überträgt er diese inneren Prozesse auf Platte. Sie wird dann wieder und wieder überarbeitet - wie Schichten, die (umgekehrt) abgetragen werden um an den Schatz zu gelangen. Er treibt es immer weiter bis Grafiken von seiner Hand den Charakter von Gemälde erhalten.

 

Alexander Lange

 

Radebeul, am 17. Juli 2008